reciproque#3.1 // Antonio Pigafetta_Die erste Reise um die Welt

Logbuch des ersten Mannes, der mit dem berühmten Seefahrer Ferdinand Magellan und kaiserlichem Segen die Welt umsegelte und das ganze Abenteuer eindrucksvoll zu Papier zu bringen wusste: Pigafettas authentische Bildsprache lehrt uns heute nicht nur, wie man Bericht erstattet, ohne dass die Leser reihenweise abspringen, sondern auch, wie rau und beseelt sie war, unsere Welt. Vor mehr als 500 Jahren

Da geht es um Naturgewalten, Meuterei und Königinnen, um haaresträubende Tauschgeschäfte und kannibalische Bräuchen. Es ist ein merkwürdig sachlicher Erfahrungsbericht über eigentlich emotional tiefschürfende Eindrücke: Sklavenhandel mit den Töchtern eines Stammes, echte Riesen und unbekannte eindrucksvolle Tierarten finden ebenso ihren Platz in der Aufzählung der Ereignisse wie der dem aufgeklärten Abendland amüsant erscheinende Aberglaube der Urvölker, denen die Mannschaft auf ihrer Reise begegnet. Die überleben am Ende nur 18 Mann und Antonia Pigafetta ist – glücklicherweise – einer davon.
Im Spätsommer 1522 schifft die Victoria in Sevilla ein, etwa zwei Jahre später schließt Pigafetta seine Aufzeichnungen ab und liefert damit bis ins beginnende 19. Jahrhundert allerlei Anlasse für Spekulation und Arbeit an der Geschichte: Es kursieren bis dato etliche Kopien seiner Manuskripte, die Urversion wird erst 1800 gefunden und zum Ausgangspunkt diverser Ausgaben. Erst der Historiker Christian Jostmann liefert uns knapp 500 Jahre später mit dieser Version eine vollständige deutsche Übersetzung des historischen Abenteuerberichts. Dass er damit einen wichtigen Diskursbeitrag geleistet hat, liegt auf der Hand: Immerhin war es Pigafettas Reisetagebuch, das die Idee der Erde als Scheibe ins Wanken brachte. Und auch, dass im Jahr 1492 Indien entdeckt worden sei, zog er mit seinen Schilderungen beim aufmerksamen Leser in Zweifel. Nicht jedoch, ohne dabei ein eindrucksvolles Bild der Welt zu zeichnen, wie sie außerhalb der Komfortzone ist: wild, bunt, brutal, wunderschön und unbegreiflich weit.

Jenny V. Wirschky

Antonio Pigafetta Die erste Reise um die Welt (erstmals vollständig übersetzt und kommentiert von Christian Jostmann), wbg Edition 2020, 272 Seiten mit 23 farbigen Originalabbildungen, 28 Euro