reciproque#1.1 // Peter Lindbergh_UNTOLD STORIES

40 Jahre Schaffensphase in einer vom Künstler selbst kuratierten Ausstellung und das Buch, das all das für seine Nachwelt festhält: Über Lindberghs ureigene Idee der Modefotografie und ihre Maximalpräsentation in einer Hamburger Museumskuppel

In einem zwei Jahre andauernden Prozess trägt Peter Lindbergh 150 seiner eindrucksvollsten Fotografien zusammen und finalisiert die Komposition seiner Werke im August 2019 gerade noch rechtzeitig – kurz bevor er überraschend stirbt. Diese Austellung zeigt im Gesamtexponat nicht weniger als den ikonografischen Wert seiner Arbeit und ist ein Manifest seines Blickes auf den Menschen.

Mit ihm veränderte der Künstler seit den 80er Jahren nicht nur die Industrie der Modefotografie, er bildete mit ihm auch das Weibliche in all seinen Facetten neu ab. Ohne es zu betonen. Ohne es zu negieren. Lindbergh lässt jenes Weibliche in seinen Motiven sich vielmehr selbst erklären. So erschafft Lindbergh in seinen Porträts und Filmsequenzen, in seiner Modefotografie immer wieder aufs neue eine Szenische Fotografie: Er lässt darin den Menschen ihren Platz, sich zu entfalten und das sonst Eigentliche wird Uneigentlich. Die Mode rückt bei Peter Lindbergh merklich in den Hintergrund – eine Perspektive, mit der er damals den Anspruch an die Abbildung von Haute Couture et cetera revolutioniert. Man buchte ihn, Kaufbares greifbar zu machen, und bekam Gesichter und Körper, die greifbar waren und das Kaufbare zum Beiwerk machten.

Diese Gesichter und Körper sind der Dauerpassus von Untold Stories: Ganz gleich, ob der Blick offen in die Kamera geht oder arbeitet. Ob Arme und Beine interagieren oder voranschreiten – seine Motive, seine Inszenierungen holen den Betrachter ins Bild. In den Schatten, in das Licht, in den Moment. Für diesen Effekt hat der Künstler im Museum für Kunst und Gewerbe die Räume zu seinem Zuhause gemacht: die Wände tapeziert mit seinen Fotografien, die Fläche um die Wendeltreppe im Aufgang des Museums vollflächig genutzt.

Mit seinem Verständnis von Vollkommenheit hat Peter Lindbergh das fotografische Pendant zum deformierten Körper beispielsweise eines Egon Schiele geschaffen und es gleichsam vom Kopf auf die Füße gestellt – weil bei ihm wieder das Schöne das wahrhaft Menschliche zeigt. Es hat ein Existenzrecht in seinem Werk, das jedes Motiv bestimmt. Das Schöne als etwas von innen nach außen Gekehrtes, das nur er gesehen hat und sichtbar machen konnte. Und weil sich Lindbergh dabei nie von den gewohnten Posen und glamourösen Inszenierungen hat gefangen nehmen lassen, hatte er vermutlich jene Sogwirkung auf die Branche. Sein Blick fand im Alltäglichen das Erstaunliche, im scheinbar Unbedeutenden das Wesentliche.

Diese nonkonforme Schönheit findet sich im Bildband am Ende nicht nur in den zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien der Ausstellung. Sie zeigt sich auch in den Gesprächen mit dem Kunsthistoriker Felix Krämer, in denen sich Lindberghs zweijähriger Schaffensprozess nachvollziehen lässt und im sehr persönlichen Nachruf seines Freundes, des Regisseurs Wim Wenders. Er war Teil der Familie, die sich Lindbergh in seinem Arbeitsumfeld aufgebaut hat, wie sein Sohn Benjamin Lindbergh es formulierte. In all diesen Worten liegt viel Würde und noch mehr Anerkennung. Für das Werk, für den Künstler und den Menschen Peter Lindbergh. So wundert es nicht, dass das Buch zur Ausstellung ein kiloschweres Großformat ist. Das Papier offenporig, der Satzspiegel freizügig, die Fotos randlos, beinahe eine Collage zum Blättern. Der Bildband erschlägt einen mit seiner ästhetischen Wucht und lässt dabei soviel Luft zum Atmen. Kunst auf 320 Seiten. Und auf jeder einzelnen findet sich Peter Lindbergh mit seinem Credo der Imperfektion als Vollkommenheit.

Jenny V. Wirschky

Peter Lindbergh: Untold Stories, Taschen Verlag, 320 Seiten, 60 Euro

Der Bildband zur gleichnamigen Ausstellung ist über den Verlag und im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, erhältlich.

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