reciproque#1.2 // Peter Lindbergh_UNTOLD STORIES

Hamburgs Museum für Kunst und Gewerbe zeigt „Peter Lindbergh, Untold Stories“ und diese Fotografie-Ausstellung  gehört zu den großen Glücksfällen

Peter Lindberghs „Unerzählte Geschichten“ richten ihre Aufmerksamkeit auf die Dualität unserer Existenz, auf das Erschlagende wie auf die Erhabenheit. Auf das rauschende Im Nu vor der Stummheit des Ewigen. 

Frau und Mann mit Regenschirm und Hund biegen in den abgelegenen Winkel, mit geducktem Bürobau, eine Hafens in Brooklyn (S. 130-131). Die Fassade des Büros ist abgerissen wie ein Kadaver. Auch die kommunizierenden Blicke beider zur Kamera sind zwielichtig. Einigen werden sie eine unglaubliche Lebensgeschichte erzählen, in die womöglich auch der seitlich blickende Hund hineingehört. Alles in allem wird sie jedes Mal anders ausfallen.  Je nach persönlichem Lebensentwurf des Betrachters. Trotzdem. Wird der Winkel wieder verlassen, bleibt das Unerzählte zurück. Das ist vermutlich das Wesentliche der Fotografie.

Jedes der gezeigten Großformate erzählt von etwas anderem. Gemein haben alle aber ein merkwürdiges Warten. Man braucht es nicht auszusprechen, dass es das Sterben ist, das aller Existenz ein verbindendes Schicksal ist. Dazu drängt sich unweigerlich das Wort Würde.  Und das ist das, was diese Fotografien zusammenhängend ausstrahlen: die Würde des Lebens in hunderten Facetten, mit ihren Glücksfällen und Warnungen.                                 

In dem Katalog beigefügten Interview wird Lindbergh danach gefragt, ob Kreativität ein seltener Glücksfall ist (S.63). Lindberghs Antwort konnte nicht anders ausfallen, denn uns allen steht diese Anlage der Kreativität „zu Verfügung“, doch nicht alle können bei zunehmenden Alter noch darauf zurückgreifen, weil sie schon zu vergraben sind. Dafür, dass diese Wahrheit in den zu sehenden Portraits nicht wie ein Holzhammer wirkt, sorgt auch die Mehrheit der Prominenten unter den Portraitierten. 

Dennoch sucht man vergeblich auch ein Lächeln. Einzig Uma Thurman deutet eins an, konterkariert von dieser ganzen verdammten fragilen Last unseres Bestehens im Blick (S.190-191).  Diese Ausstellung – und bleibend der Katalog – zeigen unsere Endlichkeit auf eine die Lust am Leben unerträglich steigernde Weise. Was für wunderbare Begegnung!

Axel Reitel

Peter Lindbergh: Untold Stories, Taschen Verlag, 320 Seiten, 60 Euro

Der Bildband zur gleichnamigen Ausstellung ist über den Verlag und im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, erhältlich. 

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